Woher weiß ein Baum, was bei uns Menschen gut ankommt? – Er weiß es nicht, er wächst einfach nur so vor sich hin und hat von seiner für uns so sympatischen Herzform keine Ahnung. Weshalb sollte er das auch berücksichtigen? Er hat keinen offensichtlichen Vorteil davon, wieviel Menschen ihn bewundern. Im Gegenteil! Seine gefällige Form führt eher dazu, dass ihn jemand ausbuddelt und an einen anderen Platz versetzt – was er möglicherweise nicht überlebt oder seine Situation dauerhaft verschlechtert. Nein, von Mobilität und Globalisierung hält ein Baum nicht viel, er ist auf Standorttreue, Beharrlichkeit und Unveränderlichkeit ausgerichtet. Sein Geburtsort ist deshalb auch sein Sterbeort, selbst wenn tausend Jahre und mehr dazwischen liegen. Damit ihm das nicht langweilig wird, ist er normalerweise nicht alleine: er hat Nachbarn. Die rauben ihm zwar Licht und beschränken sein freies Wachstum, beschützen ihn aber auch vor Sturm und Kälte. Außerdem unterhalten sie sich. Nicht so wie wir Menschen, sondern auf Basis chemischer Botenstoffe und das über und unter dem Boden. Ein von Insekten befallener Baum warnt seine Nachbarn, die daraufhin vorsorglich Abwehrstoffe produzieren und sich dadurch schützen. Außerdem tauschen sie Nähr- und Botenstoffe mit den größten Lebewesen der Erde: Pilzen (Jawohl: Pilze sind keine Pflanzen!). Deren Myzelgeflecht erstreckt sich oft über Quadratkilometer hinweg und verbindet so die Wurzeln von Pflanzen zu einem gemeinsamen, interagierenden gigantischen Organismus. Auf diese Weise hilft man sich in der Not gegenseitig: Zucker gegen Wasser. Im Detail ist die Sache natürlich viel komplizierter, in jedem Fall aber erstaunlich und interessant!

Acrylmischtechnik auf Papier, 24×32 cm, 99. Nach dem Titelbild von „Magazin zum Kirchenjahr“, 03/23, Michaelistag bis Dreikönigsfest

Ein alleinstehender Baum ist deshalb nicht unbedingt allein. Die Wurzelwelt ist eine Welt für sich, rätselhaft und voller Geheimnisse. Besitzt der Baum aber die Form eines Herzens, macht er sich unnötig angreifbar: sich Liebende könnten auf die Idee kommen und seinen Stamm nutzen, um ein ebensolches dort einzuritzen. Das sorgt in jedem Fall für Wunden und diese sind es, die man viele Jahre später dann auch noch sieht. Fragt sich nur: wo? Nehmen wir an, die Ritzer arbeiten genau auf Augenhöhe und wachsen in den kommenden Jahren durchschnittlich 4,2 Zentimeter im Jahr. Der beritzte Baum legt ein ganz anderes Tempo vor: er wächst sage und schreibe 117 mal so schnell wie seine Ritzer. Nach 3 Jahren und 7 Monaten kommen die immer noch Verliebten wieder zurück und möchten ihr Herz bewundern. Nicht nur sie, auch der Baum sind inzwischen gewachsen, der Baum allerdings viel mehr. Wie hoch müssen sie schauen, um ihr Herz wiederzufinden?

Antwort: Wenn sie hochschauen werden sie es nicht finden! Sie müssen nach unten sehen. Und zwar um die Strecke, die sie seit dem letzten Besuch gewachsen sind: Ein Baum wächst in der Krone und nicht am Stamm…