Die Kraft der Welle und ihr anschließendes Chaos musste ich vor vielen Jahren selbst leidvoll erleben. Ich war gerade erst auf Grand Canaria angekommen und auf Anhieb von den gewaltigen Wellen fasziniert. Was ihnen die gebotene Furcht nahm, ist die überraschende Eigenschaft, dass das Wasser dort, wo sie sich brechen, nur knietief ist. Allerdings nur, solange sie das Wasser ansaugen und sich weiter entfernt aufbauen. Brechen sie dann, steht man zwar bescheiden knietief vor ihnen, schaut überrascht aber zwei Meter zum Wellenberg nach oben. Kann man ihn durchtauchen ist alles gut, die Welle bricht dann hinter einem und plötzlich muss man schwimmen, weil stehen nicht mehr möglich ist. Zieht sich die Welle anschließend wieder zurück, liegt der Strand erneut nackt da. Wehe aber, die Welle bricht unmittelbar vor oder über einem, dann gibt es von ihrer Kraft kein Entkommen. Wie ein Spielball wird man mitgerissen und von dem Gewicht des Wassers und dessen Sogwirkung erbarmungslos in den Boden gepresst.

Das wusste ich damals noch nicht. Gerade erst angekommen, musste ich jedenfalls sofort die Wellen ausprobieren und besiegen. An der Nordsee hatte ich das lange genug erfolgreich geübt. Dass außer mir niemand im Wasser war, störte mich nicht, machte mich aber auch nicht stutzig. Der ersten Welle begegnete ich noch mit Abstand – ich musste mich ja erst einmal auf sie zu bewegen. Aber da spürte ich schon deutlich, dass der Sog des Wasser beim Herannahen der Welle ein gewaltiger war und das Ausmaß des anschließenden Eingrabens der Füße beim Abfließen nicht mit meinen bisherigen Erfahrungen übereinstimmte. Die nächste Welle riss mich dann ganz einfach von meinen Füssen und zog mich gnadenlos auf die nächste zu. Die Sogströmung war viel zu gewaltig, um dem zu entgehen, trotz des nur knietiefen Wassers. Schon zu diesem Zeitpunkt war es schwierig, die nötige Luft zum Atmen zu bekommen. Die nächste Welle presste mich mit all ihrer Kraft in den Sand und ihr abfließendes Wasser grub mich dort ein. Als der Sog nachließ, stemmte ich mich mit all meiner Kraft dem Chaos der Welle entgegen und wollte schon die dringend benötigte Luft holen, als das Schauspiel der nächsten Welle einsetzte und mich erneut zu ihrem Spielball machte. Ich habe gedacht, verloren zu haben. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich mich schließlich gegen das abfließende Wellenchaos wehren konnte. Aus irgendeinem Grund machte ich dann das einzig Richtige: ich bewegte mich nicht in Richtung Strand, sondern von ihm weg. Ich wusste ja bereits, dass ich bestenfalls nur Zeit für einen einzigen Atemzug und Schritt haben würde. Aber dieser eine Schritt ins tiefere Wasser rettete mich. Die nächste Welle erwischte mich zwar wieder, aber nicht mehr mit all ihrer Kraft. Ein weiterer Schritt verbesserte meine Lage erneut.

Im Nachhinein kann ich sagen, dass mich nur meine Taucherfahrung gerettet hat. Ich war geübt, lange Zeit ohne Atemzug auszukommen und meinen Atmungsinstinkt zu unterdrücken. Andernfalls hätte schon nach der ersten Welle die Energie gefehlt, mich gegen die zweite zu wehren. Ich wäre zum willenlosen Spielball der Wellen geworden.

Übrigens: es war Springflut; die rote Flagge am Strand habe ich erst im Nachhinein gesehen.

Wieder einmal das Problem mit dem Foto: es ist leider nicht ganz farbecht

Acryl auf Holz (Kiefer), 42×30, 20. Vorlage: Fotografie von Pixabay. Danke Pixabay!

Zu diesem Bild gibt es auch die Entstehungsgeschichte.

Kraft und Chaos
Kraft ist die Macht, die lenkt.
Chaos der Zufall, der denkt.
Aus „Gereimtes und fest Verleimtes“, Kurz erklärt, Band 2