Zum Jahresende ein verwirrendes Bild – und einen entsprechenden Text.

Acryl auf Eiche, 40×40 cm, 47.

Die folgenden Texte beziehen sich auf Erlebnisse des heutigen Tages. Es könnten auch mehr sein, ich wollte aber nicht mehr als drei.

  • So, jetzt habe ich auch das zweite Mal die Kontrolle meines Körpers an die Pharma-Industrie abgetreten. Wie selbstverständlich das geht, nehme ich immer wieder staunend zur Kenntnis, wenn ich zum Beispiel im Rahmen der Impfberatung so gedankenverlorene Sätze höre wie „Sollten sie sich nach der Impfung nicht ganz wohl fühlen, lassen sie sich helfen. Nehmen sie ein paar Ibus oder Paras.“ Meine Frau meint, ich lache zu wenig. Ich gehe morgern einmal zur Apotheke. Vielleicht gibt es da ja was von …
    Ich habe also das zweite Mal unseren – auch nach zwei Jahren noch immer – hoffnungslos überforderten PolitikerInnen in die Hände gespielt, indem ich meinen sozialen Beitrag geleistet habe. Dafür bedanken sie sich Tag für Tag mit der Mitteilung der aktuellen Lage. Obwohl längst abgeschafft beinhaltet sie den Inzidenzwert, während die dafür geborene Hospitalisierungsrate unerwähnt bleibt. Dem Inzedenzwert folgt stattdessen der Hinweis, dass er möglicherweise zwei- bis dreimal höher ist als angegeben – weil genaue Zahlen fehlen. Und inzwischen vermutet man, dass das bis Mitte Januar so bleiben wird.
    Mein ganz persönlicher Verdacht in dieser Sache ist, dass die Gesundheitsämter partout beweisen wollen, dass sie technologisch ganz weit vorne anzutreffen sind und ihre Zahlen nicht mehr wie bisher per Klingeldraht oder Fax sondern ultramodern per G5 übermitteln können. Die Deutsche Telekom musste aber zwischenzeitlich einräumen, dass sie derzeit … Deshalb erst einmal Mitte Januar. Zusätzlich hat die Deutsche Telekom aber den Gesundheitsämtern noch verschwiegen, dass man für die Nutzung von 5G spezielle Hardware und Anschlüsse benötigt. Ach ja – und Strom.
    Natürlich kann man auch anderer Meinung sein. Zum Beispiel der, dass Deutschland nicht als Hochinzidenzland gelten möchte und deshalb die Zahlen flach hält. Deutschland braucht doch Touristen. Und Facharbeiter.
  • Auf dem Weg zu meiner zweiten Impfung musste ich bei den HNO-Zwillingen vorbei. Ich hätte auch einen anderen Weg nehmen können, aber ich wollte einmal nachsehen, wie man auf die Idee kommt, sich HNO-Zwillinge zu nennen. Am Namen liegt es zumindest nicht, beide Zwillinge eint nur der „Dr. med“. Am Aussehen aber auch nicht, ich habe von beiden ein Bild in der Zeitung gesehen. Vielleicht am Geschlecht. Frauen haben ja mitunter die merkwürdigsten Ideen. Seitdem mein Zahnarzt seine Praxis aufgegeben und eine Nachfolgerin sie übernommen hat, gehe ich nicht mehr zu einem Zahnarzt oder Zahnärztin sondern in eine Mundwerkstatt. So ist das hier wohl auch. Man geht nicht zu einer von zweien HNO-Ärztin, sondern zu den Zwillingen. Klingt hip, cool und modern.
    Während ich mir den Praxiseingangsbereich interessiert von außen ansehe, muss ich einem Gespräch lauschen, das etwas weiter entfernt geführt wird. Meine Ohren können nicht weghören, mein ewiges Problem. Ich höre einen selbstsicheren älteren Mann und eine unsichere junge Frau. Verstohlen sehe ich ihnen entgegen. Sie stehen am Ende der Gasse, am Eck eines älteren Hauses, bei dem es offensichtlich etwas zu sehen gibt. Beide machen gestenreiche Bewegungen, die eindeutig das Hauseck betreffen. Ich denke kurz nach, was ich bisher eher unbewusst mitbekommen habe. „Justiz“, „Anzeige“, „Verfahren“, „Zeuge“ – das waren Worte des Mannes gewesen und die Frau hatte ihnen macht- und kraftlos gegenüber gestanden. Interessant, denke ich und gehe ein paar Schritte näher auf sie zu. „Unsere Beschilderungsverordnung macht da eindeutige Vorgaben“ sagt der Mann stolz zu dem Hauseck und die Frau hört sein Echo. Interessant, denke ich wieder und gehe in Richtung Hauseck und dann daran vorbei. Natürlich muss ich verstohlen einen Blick auf das Hauseck richten und dabei sehe ich es. Ein Schild. Es enthält einen Hinweis auf ein neu eröffnetes Geschäft, das sich in der Gasse befindet und zur Straße hin ausgerichtet ist. Interessant, denke ich wieder und in dem Moment geht der Schnürsenkel meines linken Schuhs auf. Ich muss ihn in Ruhe wieder binden. Die Frau erklärt dem Mann wohl zum wiederholten Male, dass sie die Genehmigung erhalten hat, dieses Schild in dieser Größe anbringen zu dürfen. Selbst die Anbringhöhe sei dabei vorgegeben worden und an sie habe sie sich gehalten. „Das stimmt“, sagt der Mann, „die Höhe habe ich überprüft.“ Er holt tief Luft und fährt dann spürbar genervt fort. „Den Winkel, gute Frau, den Winkel dürfen sie nicht eigenmächtig festlegen. Das aber haben sie getan.“ Interessant, denke ich nochmals und ärgere mich, dass ich den linken Schnürsenkel so schnell gebunden habe. Aber in dem Moment geht der rechte auf. Jetzt höre ich den ersten vollständigen Satz der Frau. „Das Schild ist absolut im Wasser, horizontal wie vertikal.“ Der Mann verlagert sein Gewicht auf den anderen Fuß. „Horizontal muss es im Wasser sein, vertikal nicht.“ Dabei betont er das Wort muss übermäßig, dann fährt er fort. „Der vertikale Winkel richtet sich nach der Form und Neigung der Oberfläche, die sich unter dem Schild befindet. Die Beschilderungsverordnung spricht hier von einer „planen Montage“. Ich übersetze es ihnen einmal. Sie müssen das Schild flächendeckend an die Hausfassade anbringen.“ Jetzt spürt die Frau Oberwasser. „Aber das Haus hat doch an dieser Stelle gar keine Fassade. Da ist doch nur dieser Steinkranz am Hauseck und der hat eine vertikale Rundung, an die sich das Schild nur anbringen lässt, wenn man es in einem Rahmen davor setzt.“ Verzweifelt zeigt sie auf den Rahmen, der mir recht stabil erscheint.“ – „… oder was der Fassade entspricht.“ redet sich der Mann genervt heraus. Leider ist jetzt auch mein rechter Senkel bestens geschnürt. Weil mir kein weiterer Vorwand zum Verweilen einfällt, gehe ich weiter und erfahre deshalb nicht, wer hier wen nicht mehr kontrollieren kann.
  • Heute lese ich in tagesschau.de (29.12.2021 11:03)
    Schlusslicht in Europa – Deutsche kaufen kaum Lebensmittel online. Deutschland hinkt anderen Ländern in Europa hinterher.

    Den abstrusen Vorwurf an uns Verbraucher geben wir gerne an den/die nicht genannte(n) AutorIn zurück: der Artikel ist grottenschlecht, lächerlich und wie so viele – absolut überflüssig. Bezahlt wird je Wort, egal ob überlegt oder nicht. Schnellworte sind gefragt, intelligente Füllwörter wilkommen. Da kann man nicht auch noch überlegen, was man eigentlich schreiben möchte. Auch nicht, ob man dafür ist, oder dagegen. Am besten, man hält sich neutral. Aber das liest dann ja keiner. Es sei denn, man erfindet eine reißerische Überschrift. Der Klick zählt. Ob gelesen wird oder nicht – der Klick zählt. Entsprechend dieser Wärung findet sich viel müdes Geschreibsel hinter neugierig machenden Überschriften.

    Ach ja. Warum kaufen die Deutschen denn nicht im Online-Shop? Weil „der nächstgelegene Laden oft nur ein paar Minuten Fußmarsch“ entfernt ist.
    Hand aufs Herz: wer von uns geht tatsächlich zu Fuß zum Einkaufen? Wer weiß eigentlich noch, was eine Minute Fußmarsch ist? Wer von uns geht überhaupt zum nächstgelegenen Laden zum Einkaufen?

    Manchmal wünsche ich mir, jemand würde kontrollieren, was im Namen guter Informationsanbieter veröffentlicht wird. Macht man ja bei den Nachrichten auch. Muss ja nicht gleich so wie in China sein…

Eine Frage habe ich dann doch noch: Kennt jemand eine Emilia oder einen Matteo? Ich meine, nicht irgendwo oder irgendwann, sondern jetzt und lebend. Ich habe ein bißchen rumgehört: es scheinen Geisternamen zu sein und doch sind es die beliebtesten Namen 2021. Bezeichnend ist hierbei, dass der beliebteste Mädchenname ein feminisierter Jungenname ist. Er ist ein Beispiel dafür, wie rücksichtslos gender-affine Eltern ihre Ideen auf dem Rücken ihrer Mädchen austragen. Und ein weiteres Beispiel dafür, wie soziale Netzwerke diesen Wahnsinn vervielfachen.
Interessanterweise sind viele Kinder und später Erwachsene mit ihrem erhaltenen Vornamen nicht ganz zufrieden – selbst wenn es ein üblicher Vorname ist. Auf die Frage, welchen Vornamen sie denn gerne haben würden, kommen durchaus sinnvolle Antworten. Nun gibt es Situationen im Leben, in denen man sich tatsächlich einen neuen – oder gleich mehrere – Vornamen vergeben kann oder muss. Die dann getroffene Wahl stellt das eben Gesagte immer wieder komplett auf den Kopf! Als mein Sohn es auf recht einfache Weise geschafft hatte, die Behörden davon zu überzeugen, dass er eigentlich weiblich ist, kam er in die Gelegenheit, seinen Vornamen, gegen einen weiblichen auszutauschen. Hätten wir ihm diesen zum Zeitpunkt seiner Geburt (falls er ein Mädchen gewesen wäre) gegeben, wäre er sein ganzes Leben lang für ihn bemittleidet und wir als Eltern hochmütig belächelt und gemieden worden.
Wegen besonderer Umstände kommt es immer wieder einmal vor, dass ich involviert bin, wenn eine Person eine neue Identität annehmen muss. Das ist ein umfassender Vorgang und beinhaltet alle Aspekte des Lebens. Im Grunde genommen bedeutet es, ein neues Leben zu beginnen. Zu diesem neuen Leben gehört auch ein neuer Name, Vor- und Zuname. Diese wählen die Betroffenen für sich und ihr neues Leben selbst. Es ist geradezu unglaublich, welche Namen dabei entstehen. Sicherlich nicht immer, aber oft genug. Ich weise dann gerne daraufhin, dass ein abenteuerlich kontruierter Name gerade deshalb Neugierde auf sich zieht und die Mühe der neuen Identität dadurch fragwürdig erscheinen läßt. Aber nein, der Name muss es sein. Und die Behörde lässt ihn zu, auch wernn es ihn in ganz Deutschland nur ein einziges Mal gibt.
Man kann auch die Kontrolle über sich selbst verlieren. Ohne Drogen und Alkohol.