Natürlich ist die reale Wirklichkeit voll von Bildern! Und die irreale (das Internet) erst recht. Es gibt Bilder, die kommen nicht zu mir durch, so eines male ich auch nicht. Es sagt mir nichts, deshalb habe ich auch ihm nichts zu sagen, selbst wenn ich mir meine künstlerischen Freiheiten erlaube. So ein Bild würde mir einfach nicht gelingen, weil es nicht „mein“ Bild wäre.

Manchmal sind es einfach Zufälle: ich sehe ein Bild und weiß sofort, dass ich das gerne malen würde. Entweder genau so, wie es abgebildet ist, oder mit ein paar Änderungen, um eine spontane Idee zu verwirklichen.

Acyl auf Leinwand, 70 x 50 cm, Vorlage: Fotografie aus dem Internet. 69

Wer setzt sich wohl auf diese Bank – und wozu?

– Vielleicht Estragon und Wladimir, um auf einen Unbekannten names Godot zu warten. Sie haben sich mit ihm verabredet, wissen aber nicht mehr, an welchem Ort und zu welcher Zeit. Macht warten dann überhaupt noch einen Sinn? Hat warten überhaupt einen Sinn? Samuel Beckett führt uns in seinem Werk jedenfalls die wartende Sinnlosigkeit und Absurdität vor Augen und begründete damit das sogenannte absurde Theater.

– Vielleicht eine einsame Frau. Sie sitzt hier ganz alleine und wartet auf die Liebe ihres Lebens. Jeden Tag. Aber sie kommt nicht. Stattdessen fliegen eines Tages drei Heißluftballone über sie hinweg. In dem Ballon, der ihr am nächsten ist, erkennt sie den Mann ihrer vermeindlichen Liebe – und er erkennt die Liebe in ihr. Sie rufen sich etwas zu, können sich aber nicht verstehen. Der Wind ist zu laut – und zu kräftig. Schon sind sie fast wieder außer Sichtweite. Sie gestikulieren einander zu, aber zu spät, auch der Sichtkontakt bricht ab. „Egal“, denkt sich die Frau, „ich bleibe einfach hier sitzen. Er wird nachher kommen und mich holen.“ Aber er kommt nachher nicht, heute nicht und morgen auch nicht. Jetzt ist die Bank leer. Aber nur kurz. Gleich kommt die Frau zurück, um weiter zu warten.

– Vielleicht bin ich es auch selbst, der gleich auf ihr sitzen wird. Ich bin wandern und sehe die Bank, auf der ich Rast machen möchte. Der Rucksack ist schwer, ich habe mir eine Pause verdient. Ich bin weit gelaufen, um vor der Zivilisation zu flüchten. Ich wünsche mir einfach nur Ruhe. Ruhe für meine Augen. Ruhe für meine Ohren. Ruhe für meine Sinne. Diese Bank an diesem Ort ist ideal! Noch im Stehen schultere ich den Rucksack ab und packe aus, worauf ich Lust habe. Dann setze ich mich auf die Bank und warte konzentriert auf das Nichts. Nichts, was sich als akustischer Smog wahrnehmen lässt. Nichts, was sich als optischer Smog wahrnehmen läßt. Nichts, was meine Sinne täuscht, weil es einfach nicht hierher gehört. Ich konzentriere mich auf das Nichts und kann es – Nein! Es wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein. Noch ehe ich sie mit den Augen wahrnehme, kann ich sie bereits hören. Drei Heißluftballone werden vom Wind zu mir hergeweht, verraten von ihrer Gasbefeuerung. Drei Heißluftballone, die mein Nichts zum nichts machen! Die nur deshalb hier sind, weil ihre Korbinsassen irgendeine krasse Action und ein geiles Event fordern. Die sich einen Scheiß daraus machen, dass… Meine Sensorik meldet Smog: die Bank, auf der ich sitze, erbebt. Eine Frau hat sich – ohne mich zur Kenntnis zu nehmen – schwungvoll hingeflatscht und blickt begeistert in den Himmel. „Drei Ballons reisen, nur vom Wind getragen, `gen Horizont! Wie romantisch! Wie schön!“ Kaum sind die Ballons aufgrund ihrer zunehmenden Entfernung kleiner geworden, springt sie auf und jagt – ohne mich zur Kenntnis zu nehmen – ihrer nächsten Romantik entgegen.
Ich sitze noch immer auf der Bank. Die Ballone sind längst weg. Hinter mir arbeitet sich eine Kettensäge wütend ins Holz und irgendwo vor mir jagt ein Cross-Motorrad heulend gegen den unebenen Untergrund an. Ich sitze da und starre in die Leere, wo keine ist. Wo nehmen meine Mitmenschen nur diese Toleranz für Alles her? Ich brauche mich um die Antwort nicht zu bemühen, ich kenne sie längst. Sie brauchen keine Toleranz, weil sie die Ursache gar nicht wahrnehmen. Sie hören den Lärm nicht, sie stört nicht, was sie sehen, sie registrieren nicht, was ihnen ihre Sinne melden. Sie brauchen keine Toleranz, weil sie über genügend Ignoranz verfügen.
Ich sitze noch immer auf der Bank. Die Ballone habe ich längst vergessen. Ich denke an die Frau, die mich nicht zur Kenntnis genommen hat, obwohl ich unmittelbar neben ihr saß und sie doch einen Mann für ihr Leben sucht, für die ich gar nicht da war, für die ich gar keine Rolle gespielt habe. Die sich selbst liebt und von ihrem Egoismus keinen Millimeter abweichen wird – in keiner Situation und überhaupt auf gar keinen Fall. Ich stelle mir ihre Reaktion vor, wenn Anfang Dezember verordnet wird, auf Weihnachtsdekos zu verzichten, um Strom zu sparen. Sie wird entsetzt sein – dann aber lächeln. „Betrifft mich nicht. Meine Dekoartikel brauchen keinen Strom – sie funktionieren mit Batterien!“ Ich stelle mir vor, wie ich ihr erkläre, dass das Herstellen von Batterien eine ganze Menge Strom erfordert und sehe dann erneut in ihr entsetztes Gesicht – ehe es sich wieder entspannt und meint „Betrifft mich nicht. Die Batterien, die ich brauche, muss ich nicht kaufen. Die habe ich schon längst.“
Ich sitze noch immer auf der Bank. An die Ballone denke ich nicht mehr und auch die Frau habe ich vergessen, obwohl ich sie zur Kenntnis genommen habe. Egoismus muss etwas sein, das die Evolution als Stärke erachtet und deshalb vehement verteidigt. Macht sie das auch bei Tieren und Pflanzen? Ich überlege. „Ich glaube nicht“, denke ich dann, „schließlich ist der Mensch das dümmste aller Lebewesen: es zerstört sein eigenes Habitat.“
Ich sitze noch immer auf der Bank aber gleich stehe ich wieder auf. Zuvor konzentriere ich mich noch einmal auf den Augenblick, den ich fast erlebt hätte: um mich herum nur Natur, mit ihren ureigenen Geräuschen, Düften und Bewegungen. Und sonst Nichts.
Ich stehe auf und schultere meinen Rucksack. Leider wurde aus dem Nichts nichts…