„Stillleben“ ist ein Begriff für eine Gattung der malerischen Kunst. Sie charakterisiert Werke, die tote oder reglose Gegenstände darstellen. Entsprechend gibt es Stillleben mit Blumen, Rauchwaren, Jagdausrüstung, Früchten oder einfach auch nur Gläsern, weil diese besonders hübsch zu malen sind und reizvolle Spiegeleffekte verursachen. Aufgrund dieser Begrifflichkeit kann es natürlich kein Stillleben mit Natur geben. Schade, aber genau das ist es, was ich mir wünsche. Keine tote oder reglose Natur natürlich, sondern eine stille.

Acryl auf Leinwand, 70×50, 77. Inspiriert durch ein Foto im Internet.

Die meisten Menschen besitzen die Fähigkeit des selektiven Hörens. Sie sind sich dessen aber nicht bewusst. Sie vergegenwärtigen sich folglich auch nicht, über welchen Schatz sie dabei verfügen: sie können – in gewisser Weise – einfach weghören. Ein Segen in unserer völlig versmogten akustischen Umwelt.

Wenn ich etwas nicht fühlen oder spüren möchte, halte ich den nötigen Abstand. Wenn ich etwas nicht sehen möchte, schließe ich die Augen. Aber wenn ich etwas nicht hören möchte, kann ich mich nicht wehren. Sicherlich, ich kann mir die Ohren zuhalten, was auch oft vorkommt, aber das ist nicht alltagstauglich. Einfach weghören kann ich jedenfalls nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie das ist, wenn man es kann. Wie ist das überhaupt, einmal nichts zu hören?

Seit Langem suche ich nach einem Ort wie dem auf dem Bild: Friede, Natur, Langsamkeit, Stille und ich mitten drin. Gäbe es diesen Ort, man würde mich dort oft finden. Ich würde am Steg sitzen und alles bewundern, was mich umgibt. Ich wäre Teil dieser Natürlichkeit und fasziniert von den Geräuschen, die sie von sich gibt. Natur ist nicht stumm, in der Regel aber still. Und das ist es, was ich suche: ein stilles Leben in der Natur, zumindest für eine kurze Zeit.

Aber der Schein des Bildes trügt. Wie alles hat die Sache zwei Seiten. Wir sehen die Vorderseite. Die Rückseite ist nicht dargestellt. Wie kommt man zu diesem Steg? Natürlich führt ein Weg dorthin, wenn nicht gar eine Straße. Deshalb ist auch das Straßennetz nicht weit weg entfernt und damit der Lärm, den dessen Benutzer*innen verursachen. Wie, Du meinst, das ist diesmal nicht der Fall, es ist tatsächlich nur ein Weg, der zu dem Steg führt und erst einmal kommen Wald, dann Feld und Flur und dann die Straße mit ihrem Lärm? Ja, so einen Steg habe ich auch schon einmal entdeckt: mitten im Naturschutzgebiet, tief im Wald. Aber dann waren dort die Hobbypiloten, die über mir ihre Kreise zogen. Nicht einmal unbedingt, weil sie Spaß am Fliegen hatten, sondern weil sie für die Verlängerung ihrer Motorflugscheine Flugstunden nachweisen mussten. So verrückt ist es doch heute!

Wie gesagt, ich suche schon lange nach einem ruhigen Ort. Jemand hat mir einmal mit voller Überzeugung das Bewohnen einer Höhle vorgeschlagen. Ich finde es durchaus komisch, dass ich als Mensch inzwischen sein kann und darf, was ich sein möchte: ich kann an mir den Bauch entlang nach unten sehen und ein eindeutig männliches Geschlechtsmerkmal feststellen, gleichzeitig aber darauf bestehen, mit allen Rechten weiblich zu sein. Und diese Rechte sind garantiert. So etwas simples, einfaches und natürliches wie ein Recht auf Stille gibt es dagegen nicht.