Hallo Mama!

Erkennst du das Bild wieder? Ich habe es dir gezeigt, als es noch nicht fertig war und gesagt, dass ich es erst fertigstellen werde, wenn du deinen Kampf aufgegeben hast. Jetzt ist es fertig. Es stellt symbolisch eine unverwechselbare Szene deines Lebens dar. Wahrscheinlich hast du das noch nicht bemerkt, schau es dir deshalb einmal ganz genau an!

Ich musste fast 67 Jahre alt werden, um die Erfahrung zu machen, wie es ist, wenn ein Mensch, der immer da war, nicht mehr da ist. Just an dem Tag, an dem meine Mutter starb, rammte mich ein kapitales Reh mit voller Wucht von meinem Fahrrad. Ich war schon am Wählen der Telefonnummer meiner Mutter, um diese Sensation mit ihr zu teilen, als mir die Erfolglosigkeit dieses Vorhabens bewusst wurde. „Mutti Home“ und „Mutti Handy“ waren Nummern geworden, die künftig keine Empfängerin mehr haben werden. – Andererseits musste ich 66 Jahre alt werden, ehe ich versuchen kann, ein freies, unbestimmtes und unabhängiges Leben zu beginnen. Natürlich hätte meine Mutter das mit ihrem die Welt stark vereinfachenden Gemüt anders gesehen. „Aber Bub“, hätte sie gesagt, „du hast doch dein eigenes Leben! Du deines dort und ich meines hier“. Aber so einfach ist es eben nicht. Ich habe mein Leben um das meiner Mutter gerankt, kein Urlaub ohne Überlegungen, kein Termin ohne Planung und jede Absprache führte zu einer innigeren Verzahnung zweier ohnehin schon verbundener Leben. Erst jetzt als Vollwaise bin ich nicht mehr der unfreie Sohn, habe ich die Möglichkeit, die immer da gewesene Nabelschnur endgültig zu durchtrennen.

Wer meine Mutter kannte, kannte eine ausgeglichene Person ohne Höhen und Tiefen, ohne großartige emotionale Schwankungen. Sie war einfach da und das für jede und jeden. Das war nicht immer so. Wenn ich viele Jahre zurückblicke, sehe ich eine mit Fröhlichkeit ausgestattete Mutter, die sie mit Begeisterung mit uns Kindern teilte. Und ich sehe, wie diese Fröhlichkeit innerhalb weniger Jahre immer mehr in eine Wut umschlägt, die auch auf uns, mindestens aber auf mich, übertragen wurde. Damals kannte sie viele Leute im Ort, weil sie Schalterdienst bei der Post hatte. Da blieb es nicht aus, dass ihr von amourösen Abenteuern meines Vaters zugetragen wurde. Zum Glück für sie war meine Mutter mit einer bewundernswürdigen unschuldigen Naivität ausgestattet. Ich glaube, sie wäre auf das außerhäusige Liebesleben meines Vaters niemals selbst gekommen, obwohl er sich wahrlich keine große Mühe machte, sie zu verheimlichen. Die paar „unbedeutende kurze Intermezzi“ (wie mein Vater sie mir gegenüber später einmal nannte) setzten ihr aber schwer zu. Eltern versuchen in der Regel so zu streiten, dass ihre Kinder nichts davon mitbekommen. Das gelang ihnen aber nicht bei mir. Ich wurde zum Tröster meiner Mutter und konnte nicht verhindern, dass sich ihre echte Lebensfreude im Laufe der Jahre auf eine Lebensduldung reduzierte. Dennoch hat ihr im weiteren Leben ihre Naivität die Bahn geebnet. Sie hat bis zum Lebensende meines Vaters, was den Umfang seines amourösen Betrugs betrifft, immer nur in der Spitze des Eisbergs gestochert. Die endgültige Lebensenttäuschung ist ihr deshalb erspart geblieben.    

Meine Mutter hat sich mir gegenüber stets mit viel Geschick aus für sie brenzligen Situationen herausgewunden. Das ging nicht immer gut, deshalb hat sie mich in ihrer Verzweiflung auch das eine und andere Mal verdroschen. Das war sicherlich für sie eine Notlösung und ich nahm sie ihr nicht übel, selbst wenn dabei der Kochlöffel zu Bruch ging. Ich war für sie ein schwieriges Kind, weil ich nicht so war wie die anderen. Ich war wissbegieriger, hatte unendlich viele Fragen und meine Mutter nur ein einfaches Gemüt. Ich hatte schnell begriffen, dass sie mir meine Fragen nicht beantworten konnte oder wollte und es deshalb besser war, sie erst gar nicht zu stellen. Ihr letztendlicher Trick, meine Fragen zu umgehen, bestand schließlich darin, zu sagen „frag deinen Vater“, wohlwissend, dass der für die Beantwortung von Fragen keine Zeit hatte.  Liebe Mama, du weißt das doch, du hast doch dein Leben lang Krimis geschaut! Eine Frage ohne Antwort ist wie ein Mord ohne Leiche. Man kann die Tat nicht anklagen, weil der entscheidende Beweis fehlt. Natürlich habe ich mir meine Fragen deshalb längst selbst beantwortet – aber kann ich sicher sein, dass das die richtigen Antworten sind?

  • Warum, z.B, hat kein Kinderarzt keinen meiner zahlreichen Geburtsfehler erkannt? Die Vorsorge-Untersuchungen gab es doch früher auch, bevor sie in U1-U9 umbenannt wurden.
  • Oder warum hat niemand in der Familie erkannt, dass ich einen offensichtlichen Sehfehler habe? Wieso hat es 15 Jahre gedauert, bis jemand aus der Schule darauf hingewiesen hat und ich schließlich meine erste Brille bekam? Wie konnte ich überhaupt lesen, schreiben und rechnen gelernt haben, nachdem ich die ersten 8 Schuljahre lang nicht erkennen konnte, was an der Tafel geschrieben stand und ich in aller Regel keinen Nebensitzer hatte?
  • Oder warum haben meine beiden Geschwister bereits zu einem so frühen Zeitpunkt das Nest verlassen? Die eine musste deshalb erst noch minderjährig heiraten, die andere ist bis nach Amerika geflohen. Warum, Mama?

Die Frage aller Fragen aber ist die, die mich fast mein ganzes Leben lang beschäftigt. Ich habe dir immer wieder eine Brücke gebaut, um von dir aus auf sie aufzuspringen und dich mir zu  erklären. Du hast es nie getan. Das hat mich damit schließlich so verletzt, dass ich für Jahre den Kontakt zu dir abgebrochen habe. 2018 habe ich dann den letzten Versuch unternommen und danach aufgegeben. Warum, liebe Mama, hast du in meinem 16. Lebensjahr eine rote Linie überschritten, die ein Elternteil niemals überschreiten sollte? Ich war bis dahin ein lebensfroher Mensch gewesen, neugierig auf das Leben und wurde dann innerhalb kürzester Zeit gebrochen. Seitdem lebe ich ein Leben, das nicht mein eigenes ist und das ich mir nicht ausgesucht habe. Dass auch mein Vater eine solche rote Linie überschritt und das mehrfach, spielt da schon keine Rolle mehr. Du warst die Erste. Ich hätte gerne das Leben zurück, das mir eigentlich zugedacht war. Du hast es mir gegeben, aber du hast es mir auch wieder genommen.

Aber auch du, liebe Mama, hättest Fragen stellen sollen. Ich hätte sie dir beantwortet. Du hättest mich z.B. fragen können, weshalb ich mich scheiden ließ. Meine Antwort hätte dir nicht gefallen, ganz und gar nicht. Aber du hättest die Frage stellen können.
Oder als ich dir nach Sören’s Freitod erklärte, dass ich Autist bin und Sören es wahrscheinlich auch war, hättest du doch ganz einfach fragen können „Willi, was ist ein Autist“? Oder „Was bedeutet das für dich, Autist zu sein im Alltag“? – Viel, Mama, viel. Mir fehlen Fähigkeiten, die dir als gesunder Mensch zu belanglos erscheinen, um über sie auch nur nachzudenken. Ich aber kann sie nicht erlernen, auch wenn sie mir noch so schmerzlich fehlen. Nehmen wir z. B. das Erkennen von Menschen. Ich kann keine Menschen erkennen und das verfolgt mich schon mein Leben lang. Weißt du noch, als sich immer wieder Kunden bei dir am Schalter beschwerten? „Ich bin deinem Sohn begegnet, aber der hat mich nicht begrüßt. Bin ich ihm nicht vornehm genug oder hast du ihn nicht richtig erzogen?“ Du hast mir immer wieder erzählt, wer sich da beschwert hat, bei dir oder meinem Vater. Immer musste ich mir deine Verzweiflung anhören und nie habe ich begriffen, worin meine Schuld bestand. Irgendwann hast du dich dann bei den Kunden herausgeredet, ich wäre ein Hans-guck-in-die-Luft und hätte sie gar nicht gesehen oder ich hätte meine Gedanken immer woanders und deshalb gar nicht bemerkt, dass mir jemand begegnet wäre.

 Ja, Mama, so war das und so ist es geblieben. Ich habe im Laufe der Zeit gelernt, meine Defizite zu verbergen. Das ist ja die Chance jedes Benachteiligten: zu verbergen, was eigentlich offensichtlich ist. Und deshalb hast du das Ausmaß dieser fehlenden, grundlegenden Fähigkeit nie erkannt: ich erkannte nämlich auch dich nicht, ich erkenne meine Kinder nicht, meine Enkel, meine Frau und nicht einmal mich selbst. Ich bin mir selbst ein Fremder.


Weißt du noch, welche Regel wir hatten, wenn wir uns in Karlsruhe treffen wollten? „Steig in Bad Herrenalb ganz vorne ein, beim Fahrer und auch da wieder aus“. Mit diesem Trick konnten wir uns wieder finden. Ich wusste, wo du aussteigst und musste dabei nur auf eine alte Frau achten, die mich beim Aussteigen anlächelt. Das hat meistens funktioniert. Manchmal aber habe ich beim Umarmen der alten Frau Widerstand und Verzweiflung gespürt. Das war dann eine peinliche Situation. „Tut mir leid, ich habe Sie mit meiner Mutter verwechselt“. Keine schöne Entschuldigung, wohl auch nicht glaubhaft. Jedenfalls musste ich mich dann nach einer anderen alten Frau umsehen, die mich anlächelt und mein Glück bei ihr versuchen. Ja, Mama, so war das: wenn ich vor deiner Türe stand, um dich zu besuchen, war ich gespannt, wer sie öffnet. War das eine alte Frau, sagte ich mir: Willi, das ist deine Mutter. Ich schäme mich bis zum heutigen Tag, Menschen nicht erkennen zu können. Ich schäme mich, vor der Tür meiner Kinder zu stehen und Angst zu haben, zu klingeln, weil ich genau weiß, dass mich die nächsten Minuten überfordern werden.


Weißt du, was ich mich frage? Darf ich mich eigentlich dein Sohn nennen? Bin ich dein Sohn? „Aber selbstverständlich“ höre ich dich darauf bestehen. Mama, wie wäre die Situation, wenn sie andersherum wäre, wenn nicht ich, sondern du keine Menschen erkennen könntest. Du hättest mich geboren und aufgezogen, nie aber eine Beziehung zu mir aufgebaut. Wäre ich dann wirklich dein Sohn?


Weißt du was? Autist zu sein hat auch Vorteile, weil Autisten nicht nur etwas fehlt, sondern gegenüber Gesunden in der Regel über Fähigkeiten verfügen, die sie nicht haben. Ich konnte zum Beispiel lesen, schreiben und rechnen lernen, ohne sehen zu können, was an der Tafel stand. Hättet ihr das als Gabe erkannt und gefördert – aus mir hätte etwas werden können.

Hast du dir das Bild noch einmal angesehen? Hast du den dargestellten Augenblick deines Lebens erkannt? Er hat etwas mit einem 50 DM-Schein zu tun. Erinnerst du dich? Du hast den Augenblick laut lachend genossen und ich habe ihn stumm staunend verfolgt. Weshalb dieser Augenblick für uns so eindeutig und unverwechselbar ist, bleibt unser Geheimnis.